Stammzellenbehandlung bei Amyotropher Lateralsklerose?


Zwei Ereignisse haben in den letzten Wochen der Frage nach einer Stammzellentherapie gegen Amyotrophe Lateralsklerose neuen Auftrieb gegeben. Zum einen die große Aufmerksamkeit in der Weltpresse über den Erfolg amerikanischer Forscher beim so genannten therapeutischen Klonen, zum anderen Berichte in deutschen Fernsehsendungen über ALS-Patienten , die sich einer Stammzellenbehandlung in Wien unterzogen haben oder dies planen.

Hat der kürzlich gemeldete Erfolg beim “ therapeutischen Klonen“ Auswirkungen auf eine ALS-Therapieentwicklung?

Auf absehbare Zeit nicht. Es handelt sich hier um reine Grundlagenforschung die von einer praktischen medizinischen Anwendung weit entfernt ist. Zudem gilt: die Züchtung menschlicher Nervenzellen ist schon seit einigen Jahren möglich und wird auch in verschiedenen Forschungslabors angewandt. Die Frage ob und wie diese Zeilen für eine Therapie eingesetzt werden können, ist allerdings äußerst kompliziert. Die Motorneuronzellen, deren absterben im Zentrum der ALS-Krankheitsentwicklung stehen, können nicht einfach ersetzt werden. Ihr Kern liegt im Rückenmark, ihre Ausläufer gehen von dort durch den ganzen Körper und sind direkt mit den Muskeln verbunden. Diese Verbindungen werden bereits im frühen embryonalen Stadium hergestellt und bleiben über das ganze Leben erhalten. Dass diese Verbindungen neu wachsen können, wird von vielen Wissenschaftlern bezweifelt.

Die Potenziale einer Stammzellentherapie gegen ALS liegen deshalb eher im Austausch bestimmter Unterstützerzellen der Motorneuronzellen. Dieses Verfahren kann zwar nicht die abgestorbenen Motorneuronzellen zum Leben erwecken, wohl aber den Prozess der Degeneration verlangsamen oder vielleicht sogar stoppen. Dieser Ansatz wird derzeit in zwei klinischen Studien erforscht (siehe unten).

 

Klinische Studien von Stammzellentherapien gegen Amyotrophe Lateralsklerose

Weltweit laufen derzeit zwei klinische Studien mit Stammzellentherapien gegen ALS. Eine wird von der israelischen Firma Brainstorm geführt , die anderer von der Firma Neuralstem in den USA. Beide befinden sich derzeit in Phase zwei, das bedeutet: einen relativ wenigen Patienten wird vor allem die Sicherheit und Verträglichkeit des Verfahrens geprüft. Beide Firmen nutzen für ihre Verfahren einen speziellen Zelltyp, für deren Herstellung sie das Patent besitzen. Für die Neuralstem-Studie kann man sagen, dass er Verlauf sehr transparent ist, sie von unabhängigen und hochkarätigen Wissenschaftlern begleitet wird und dass für die Implementation der Zellen ein spezielles (und ebenfalls patentiertes) neurochirurgisches Verfahren entwickelt wurde. Viel Aufsehen in den USA erregte ein einzelner Teilnehmer der Studie, dem es nach der Behandlung deutlich besser ging. In einer kürzlich herausgegebenen Meldung wurde berichtet, dass sechs der 15 Teilnehmer von der Behandlung profitiert hätten, in der Mehrzahl durch Stabilisierung, in einigen Fällen durch leichte Verbesserungen. Dabei habe es sich um diejenigen Patienten gehandelt , die sich an einer relativ frühen Phase befanden und die nicht an der bulbären Form der ALS litten.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es sich bei diesen beiden Studien um ernsthafte Bestrebungen einer Therapieentwicklung handelt, die sich auch einer unabhängigen Überprüfung mit dem Ziel einer Zulassung stellen. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass es sich bei beiden Firmen um börsennotierte Unternehmen handelt. Aus ökonomischer Sicht hoch spekulative Anlagen, Wetten auf einen positiven Ausgang der Studien. Die Pressemeldung sind also immer auch in diesem Licht kritisch zu betrachten.

Und: Selbst wenn alles optimal verläuft und sich das Verfahren als sicher und wirksam erweist, werden bis zum Abschluss der Studie und einer Zulassung noch Jahre vergehen.

Bereits verfügbare Stammzellen-Therapieangebote

Seit mehr als zehn Jahren treten immer wieder an den verschiedensten Orten der Welt private Kliniken oder Praxen auf den Plan, die eine Stammzellen-Therapie auch gegen ALS kommerziell anbieten. Bisher ist kein einziger Fall bekannt, wo eine solche Behandlung nachhaltigen Erfolg gebracht hätte. Viele Wissenschaftler und Ärzte warnen vor diesen Angeboten und halten sie bestenfalls für nutzlos, wenn nicht sogar für schädlich.

In den letzten Monaten war es die Wiener Praxis SCTGV, die aufgrund einiger Fernsehberichte die Aufmerksamkeit von ALS-Patienten auf sich gezogen hat. Wie auch bei anderen kommerziellen Angeboten werden hier “autologe“ Stammzellen verwendet. Die Beurteilung der wissenschaftlichen und medizinischen Qualität des Verfahrens überlassen wir lieber anderen. Die Marketingsmethoden der Klinik auf ihrer Internetseite verdienen jedoch eine kritische Betrachtung:

– Die Informationen darüber, wie genau die Zellen bei ALS eingesetzt werden und wie die erhofften Wirkungsmechanismen sind, sind äußerst dürftig. Stattdessen gibt es eine Menge ALS-bezogener Informationen (Rilutek, Aluminiumsvergiftung et cetera) die mit dem angebotenen Stammzellen-Verfahren gar nichts zu tun haben.

– Es werden eine Reihe von wissenschaftlichen Artikeln aufgeführt, die sich mit dem Thema ALS und Stammzellentherapien befassen. Damit wird der Eindruck erweckt, dass die Autoren – teilweise renommierte Wissenschaftler – sich auf das in dieser Praxis angebotene Verfahren beziehen würden. Diese ist jedoch nicht der Fall. Sie beziehen sich teilweise auf die oben beschriebene Neuralstem-Studie, die nicht nur völlig andere Zelltypen verwenden, sondern auch völlig andere und wesentlich aufwändigere Methoden der Verabreichung durch Neurochirurgen einsetzen. Die SCTGV wird von einem Gefäßchirurgen und einem Orthopäden geleitet. Neurologen oder Neurochirurgen scheinen laut Webseite nicht zum Team zu gehören.

– Es gibt keinerlei Angaben darüber, wie oft das Verfahren bisher bei Patienten mit ALS angewandt wurde und welche Ergebnisse die Behandlungen hatte.

Gäbe es Mediziner, die selber daran glauben würden weltweit erstmalig eine wirksame Therapie gegen den Krankheits-Fortschritt bei ALS entwickelt zu haben, so könnte man auch davon ausgehen dass diese schon im eigenen Interesse klinische Studien für eine Anerkennung der Therapie anstreben würden. Von einer solchen Absicht ist aber nicht die Rede.

Stammzellen als Modellsystem

Können also Stammzellen gar nichts für eine kurz und mittelfristige Verbesserung des Therapieangebotes gegen Amyotrophe Lateralsklerose bewirken? Doch, aber außerhalb von klinischen Studien nicht in Patienten, sondern im Labor. Da es seit einigen Jahren möglich ist, Motorneuronzellen aus Stammzellen zu züchten können diese dazu verwendet werden, den Krankheitsverlauf im Labor zu beobachten und mögliche Präparate zur Eindämmung zu testen. Angesichts der Tatsache das weltweit derzeit keine neue Therapie gegen ALS vor der Zulassung steht, ist dies für heutige Patienten vielleicht der aussichtsreichste Ansatz. Würde sich hier herausstellen, dass ein bereits zugelassenes Medikament, vielleicht in einer anderen Dosis oder Darreichungsform gegen die ALS wirken würde, könnte dies auch kurzfristig ALS-Patienten helfen.