NDR und Spiegel Online stiften Verwirrung

Nur selten wird in  deutschen Medien über die ALS-Problematik berichtet. Umso schlimmer, wenn dann gleich zwei extrem schlecht recherchierte Beiträge erscheinen, die mehr Verwirrung stiften als Informationen liefern. Den Anfang machte vor wenigen Wochen der NDR mit einem Beitrag über einen angeblichen Behandlungserfolg bei einem ALS-Patienten mit Hitzeschockproteinen. Hier zu hat Professor Meyer von der Charité Berlin bereits eine angemessene Erwiderung geschrieben (nachzulesen hier).

 

Am 27. 6. 2014 legte dann Spiegel online nach. In dieser Geschichte geht es um einen ALS-Patienten, der seine Krankheit mit einer Ayurveda-Kur bekämpft. Bei diesem Artikel hat sich die Autorin offensichtlich noch nicht einmal die Mühe gemacht, den Wikipedia Artikel über Amyotrophe Lateralsklerose zu lesen. Denn hier  finden sich Sätze wie:“ Es gibt nur sehr wenige Menschen auf der Welt, die an ALS erkranken.“ Fakt ist: ALS trifft einen von 400 Menschen, weltweit sind es ungefähr 160.000 pro Jahr.

Oder:“ Es wird angenommen, dass ALS nur in seltenen Fällen vererbbar ist.“ Es wird nicht angenommen sondern ist seit langer Zeit nachgewiesen, dass ungefähr 10 % der ALS-Fälle vererbt sind.

Schlimmer wird es, wenn behauptet wird: „Die Diagnose ist schulmedizinisch der Anfang vom Ende, weiter wissen die Ärzte nicht.“  Die breite Palette der möglichen Maßnahmen, von Physiotherapie  über Ernährung bis hin zur Beatmung, die die Lebensqualität verbessern und die Überlebenszeit verlängern können, werden hier komplett negiert. Es stimmt, dass diese Maßnahmen die Krankheit nicht stoppen können. Das kann aber die ayurvedische Medizin auch nicht. Denn der beschriebene Patient ist nicht der Erste, der diesen Versuch macht. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass einige Patienten in einem gewissen Rahmen davon profitieren. Von einem durchschlagenden und nachhaltigen Erfolg wurde jedoch noch nie berichtet. ALS-Patienten sind weltweit gut vernetzt und tauschen ihre Erfahrungen aus. Behandlungserfolge sprechen sich schnell herum.

Auch bei dem beschriebenen Patienten deutet nüchtern betrachtet nichts in dem Bericht auf einen Behandlungserfolg hin. Denn die als „Erfolge“ beschriebenen Veränderungen sind entweder keine – wie etwa das Aussetzen der Muskelzuckungen und Krämpfen. Dies ist im Verlauf der Krankheit völlig normal und wird von sehr vielen Patienten beschrieben. Andere sind eher als krasse Rückschläge zu bewerten, wie etwa der Gewichtsverlust von 9 kg. In dem Artikel wird zwar nicht explizit behauptet,dass die beschriebene Kur gegen die ALS wirkt, aber durch die Art der Darstellung wird genau dieser Eindruck erweckt.

Insgesamt wirkt der Artikel wie ein Werbetext für die beschriebene Ayurveda-Klinik (2 Wochen 5000€). Er strotzt nicht nur vor sachlichen Fehlern und Halbwahrheiten, er lässt auch eine bei dem Thema dringend gebotene Sensibilität vermissen: dass ALS-Patienten bei ihrer oft verzweifelten Suche nach Heilung das perfekte Opferschema für Anbieter kostspieliger (Schein)-Therapien sind und Journalisten immer Gefahr laufen, zu ihren Helfershelfern zu werden.

D.P.